Wie man fotografieren muß | 1975

Liebe Klasse 10 E!

 

Ich will gerne eurer Bitte nachkommen und versuchen, Eure Fragen zu beantworten.

 

Als ich 1957 mit meinen Eltern aus Westdeutschland in die DDR kam, hatte ich mir eine EXA- Kamera gekauft und bald wirklich Spaß am Fotografieren bekommen. Wie bei vielen Amateuren ging der Weg von einem aus einer Zigarrenkiste gebastelten Vergrößerungsgerät, Wohnungsüberschwemmungen und vom Selbststudium von Fachliteratur in verschiedene Fotozirkel und auf Ausstellungen. Dabei überwogen alles in allem die Erfolgserlebnisse, und ich begann zu glauben, ich könnte auf diesem Gebiet später auch beruflich etwas leisten.

 

Ich war damals in der 9. Klasse. Eine gewisse Selbstüberschätzung war altersbedingt. Außerdem wusste ich nicht genug über die konkreten Anforderungen des Bildreporteralltages. Ich hatte mir nicht einmal Illusionen gemacht – ich hatte einfach keine Ahnung. Wahrscheinlich ist es auch unmöglich, sich Vorstellungen über einen Beruf zu verschaffen, wenn nicht grade ein naher Verwandter den gleichen hat.

 

Ich bewarb mich zum Studium an der Filmhochschule Babelsberg im Fach Kamera. Mein Vater meinte, die Chancen, einen vernünftigen Arbeitsplatz zu bekommen seien beim Film größer als in der Fotografie. Freiwilliger Dienst in der NVA oder ein Berufsabschluß wurde als Voraussetzung gefordert. Ich sah die Notwendigkeit damals nicht ein. Heute weiß ich, dass in all diesen Berufen eine gewisse Lebenserfahrung, vor allem Menschenkenntnis, notwendig ist.

 

Ohne Menschenkenntnis kann man sich nicht durchsetzen, und man kann das Leben, das man für andere Menschen darstellen und interpretieren soll, um sie in bestimmter Richtung zu beeinflussen, selbst nicht durchschauen. Aber ich hatte es sehr eilig.

 

Ich ging also ohne Studium sofort nach dem Abitur (1961) zum ADN und begann mit praktischer Arbeit bei Zentralbild. Als ich 4 Wochen lang Bilder getrocknet hatte, meldete ich mich doch freiwillig zur NVA. Ich war mir sicher, dass die Wehrpflicht ohnehin kommen würde, hatte also keine besonders edlen Beweggründe.

 

Als ich zurück kam – ich hatte ein halbes Jahr Wache gestanden und ein Jahr im Chemischen Zug in Dessau gedient – zog ich in Zentralbilds Dunkelkammern, arbeitete ein halbes Jahr als Laborant. Ich hatte damals knapp 400 Mark. Am Wochenende fotografierte ich so für mich. Ich hatte in polnischen Veröffentlichungen reizvolle Bilder von alten Winkeln gesehen, die mich ansprachen und die ich nachzuempfinden versuchte. Es gab auch bei uns genügend abgeblätterten Putz und einsam vereinzelte Menschen, die meine Bilder dieselbe Atmosphäre atmen ließen. Ich hielt sie für nachdenklicher, für tiefer und auch für ästhetische besser als die strahlenden Agenturfotos. Bei einigen Kollegen, die von diesen Bildern schockiert waren, bildete sich die Meinung, ich sei bei einer sozialistischen Nachrichtenagentur fehl am Platze. Davon ahnte ich nichts.

 

Alle waren sehr freundlich zu mir. Dann kam ich in die Obhut eines erfahrenen Kollegen: Horst Sturm war wirklich der beste Fotograf in der Agentur. Es hatten sich diejenigen durchgesetzt, die der Ansicht waren, dass aus mir bei einiger Erziehung doch noch etwas zu machen sei, und die ein gewisses Talent zum fotografieren für wichtig hielten. Horst Sturm gehörte zu ihnen. Sein Vorbild hat mir viel geholfen. Seine Ehrlichkeit und kämpferische Prinzipienfestigkeit hatten ihm das Leben oft nicht gerade leicht gemacht. Er lehnte es ab, den geforderten Optimismus vor der Kamera fürs Bild zu inszenieren, sondern beobachtete die Menschen, machte wahre Fotos.

 

Später – ich hatte schon selbständig als Bildreporter zu arbeiten begonnen – nahm ich ein Fernstudium der Journalistik auf und schloß es 1969 ab. 1972 erhielt ich durch eine glückliche Fügung (nicht jede Institution ist daran interessiert, die Opfer für eine Qualifizierung ihrer Mitarbeiter zu bringen) wieder die Delegierung zu einem Studium, und zwar an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig: Fotografie. Die Arbeit bei der Agentur befriedigte mich nicht mehr, ich bewarb mich bei der NBI, weil ich gern mehr Einfluß auf das journalistische Endprodukt, in dem Falle die gedruckte Reportage, gewinnen wollte. In der Agentur geht es um das aktuelle Einzelfoto, in der Illustrierten um die Aussage von Bildserien. Man kann tiefer in einen Stoff eindringen, ein Thema komplexer behandeln. Inzwischen hatte ich mir als Bildreporter einen gewissen Namen gemacht. Trotzdem war meine Bewerbung nur erfolgreich, weil gerade kein Kollege verunglückt war und ein neuer Bildreporter gebraucht wurde.

 

In der arbeitsteiligen Gesellschaft gibt es fast keine Berufe, in denen man sich ohne Kompromisse und uneingeschränkt verwirklichen könnte. Der Bildreporter macht dabei keine Ausnahme. Am journalistischen endprodukt sind viele Menschen verschiedner Auffassungen beteiligt. Es muß Unbefriedigtsein mit sich bringen, wenn die eigenen Auffassungen von denen des Texters, Grafikers, Chefredakteurs abweichen und man sich nicht durchsetzen kann. Die Qualität der Arbeit, die Wirksamkeit des Produktes, ist nicht mit der Elle messbar, und die wenigen objektiven Kriterien bei der Beurteilung werden durch viele Faktoren subjektiviert. Gut fotografieren zu können, journalistisches Wissen zu haben, ist nur eine Seite der Medaille. Sich durchsetzen zu können, die andere.

 

Ich muß zugeben, dass die politische Überzeugungsabsicht – die Grundvoraussetzung für die Arbeit des Bildreporters – zu der Zeit, als sich mein Berufswunsch durchsetzte, noch keine Rolle spielte, jedenfalls keine wesentliche. Sicher war ich schon in der Schulzeit politisch interessiert und in dieser Hinsicht ein komplizierter Schüler in einer komplizierten Zeit (vor dem 13. August 1961). Aber über die Möglichkeiten, die Fotografie zur Massenbeeinflussung zu nutzen, über die damit zusammenhängende besondere Verantwortung des Bildreporters hatte ich mir vor dem Studium wenig Gedanken gemacht. Ich war mir nicht so recht über meine Aufgabe im Klaren, die Menschen wirkungsvoll für den Sozialismus und die Tagesaufgaben interessieren zu müssen, sie zum Nachdenken und Handeln bewegen zu sollen. Ich wollte fotografieren, mich mitteilen.

 

Heute steht die Grundaufgabe nicht mehr infrage. Jeder Streit geht nur darum, wie das Ziel am besten zu erreichen ist. Fragen der Wirksamkeit spielen eine Rolle. Darüber gehen die Auffassungen oft auseinander, und wenn sich das nur in Diskussionen um die Auswahl und Anordnung der Bilder ausdrückt, über ihre Akzentuierung durch Größe oder um bestimmte Aspekte des Textes.

 

Aktivitäten außerhalb der Arbeitsstelle sind in unserem Beruf wichtig, bzw. ich halte sie für wichtig. Man gewinnt ein etwas objektiveres Verhältnis zur eigenen Leistung, vor allem bei der Beteiligung an nationalen und internationalen Ausstellungen, bei Kontakten und im Erfahrungsaustausch mit Kollegen, bei der Erarbeitung individueller, thematischer Ausstellungen, von Bildbänden, bei der Mitarbeit in Ausstellungsjurys, bei der Lehrtätigkeit, wie ich sie auf zwei Kursen für ägyptische Journalisten in Kairo durchzuführen hatte. Auch der Kontakt mit Fotozirkeln, mit Amateuren ist wichtig. Die berufliche ist nach meiner Meinung nur ein Aspekt der Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit. Das ist ein lebenslanger Prozeß, nicht alle Aspekte entwickeln sich gleichmäßig. „Vorwärtskommen“ ist nicht am wachsenden Gehalt, am „besseren Stand“, an größeren Auslandsreisen, ja nicht einmal an ständig besseren Arbeitsergebnissen abzulesen. Ihr könntet jetzt auf die Frage kommen, warum ich überhaupt den Bildreporterberuf ausübe, wenn ich ihn so beschreibe. Nun, ich halte ihn für einen schönen, einen interessanten Beruf, den einzigen für mich möglichen. Nicht, weil man ständig im Wagen durch die Lande reist (ich habe kein Auto), nicht, weil man einen Haufen Geld verdient (andere haben mehr auf die Hand als 900 Mark). Einfach, weil man sich nicht Tag für Tag im selben eng begrenzten Raum bewegen muß, weil man vieles kennen lernt, sich mit vielem beschäftigen und auseinandersetzen muß. Man dringt hinter die Türen wissenschaftlicher Labors, erfährt über die intimen Probleme von Oberschülern, erlebt die knisternde Atmosphäre bei einer schweren Operation, spricht mit klugen Leuten. Man fährt auch in andere Länder, aber dass ist gleichzeitig eine Art Auszeichnung.

 

Man erfährt vieles aus erster Hand, ist Augenzeuge, ist das Auge des Lesers, das nicht überall selbst weilen kann. Manches wird auch beim Bildreporter im Lauf der Zeit Routine, aber es gibt immer wieder fesselnd neue Aufgaben und Überraschungen – seien sie nun angenehm oder unangenehm.

 

Sollte ich nicht ausreichend auf alles, was Euch interessiert, eingegangen sein, dann meldet Euch bitte. Ich lege noch ein paar Arbeiten bei. Schickt mir diese bitte zurück, wenn Ihr sie nicht mehr benötigt.

 

Herzliche Grüße

 

 

Uwe Steinberg